Gesamtkunstwerk aus einem Guss

von Harry Klofat

Dirlewang. „Es kommt nicht darauf an, ob ein Stück schwer oder leicht ist, es kommt darauf an, wie gut man es spielt“, soll der Geigenvirtuose Nicolò Paganini einmal gesagt haben, als ihn eine begeisterte Zuhörerin nach einem Konzert gefragt hatte: „War das schwer?“

Das nimmt eigentlich vieles von dem vorweg, was die Musikkapelle Dirlewang beim Jahreskonzert unter dem Motto „Große Komponisten - die Dirlewanger Klassik Gala“ zeigte. Der Schwierigkeitsgrad des Programms lag jenseits der Höchststufe, aber wie Dirigent Klaus-Jürgen Herrmannsdörfer mit den Musikerinnen und Musikern das Schwere ins Leichte umsetzte, daran hätte auch Paganini seine Freude gehabt. Oder Verdi, Bach, Mozart, Beethoven, Wagner, Strauss, und wie sie noch alle hießen, die großen Komponisten, deren Werke zu hören waren...

Zur Chronologie der Konzertereignisse, ausnahmsweise in rückwärtiger Reihenfolge: Wer dachte, nach der „Rausschmeisser-Zugabe“, dem unverwüstlichen „Radetzky-Marsch“, wäre keine Steigerung mehr möglich, der wurde eines Besseren belehrt. Der Hit der Saison heißt „Nessun dorma“, stammt aus der Oper „Turandot“ von Giacomo Puccini, und Hans Irsigler vom Männerchor Dirlewang gehörte mit dieser Arie das unglaubliche Finale dieses Abends. Schade für Paul Potts. Für den britischen Casting-Opernstar und „Nessun dorma“-Chartstürmer wird sich nach Irsiglers Auftritt kaum noch jemand in Dirlewang interessieren. Irsiglers Version war einfach noch besser.

So gewaltig wie das Ende dieses Konzerts war auch der Anfang: Johann Sebastian Bachs d-Moll-Toccata, von Ludwig Salger auf der Orgel gespielt, ging nicht in die sonst gewohnte Fuge, sondern in „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss über. Die amüsant-munteren Parodien von Siegfried Ochs über das „Kommt ein Vogel geflogen“-Thema heiterten auf und die wuchtige „Peer Gynt Suite“ von Edvard Grieg ließ die Turnhalle erbeben. „Anitras Tanz“ aus dem gleichen Werk swingte sich so dazwischen.

108 Mitwirkende standen bei Giuseppe Verdis „Gefangenenchor“ aus „Nabucco“ auf der Bühne: der Männerchor, die Sunnies und die Musikkapelle. Carl Maria von Webers „Jägerchor“ aus dem „Freischütz“ mit dem Männerchor Dirlewang und die Sunnies mit Georg Friedrich Händels „Halleluja“ aus dem Oratorium „Messias“ waren mehr als vokale Farbtupfer. Das „Halleluja“ im Jazz-Arrangement und George Gershwins „Rhapsody in Blue“ schufen den Kontrast zu den beiden populären Märschen von Franz Schubert, „Militärmarsch Nr. 1“ und Ludwig van Beethovens „Yorkscher Marsch“. Dazu gab es noch eine poppige „g-Moll Symphonie“ von Wolfgang Amadeus Mozart und die Johann-Strauß-Polka „Unter Donner und Blitz“. Das Ganze präsentierte die Musikkapelle als Gesamtkunstwerk aus einem Guss: Power Point Bilder der Komponisten und am Ende aktuelle Fotos der Konzertbesucher, mit Michael Rogg ein „Showmaster“ in Smoking und Fliege, professionelle Licht- und Tonanlage, eben eine echte Gala in der restlos ausverkauften Dirlewanger Turnhalle.

Was kommt als Nächstes? Die Sunnies als erweiterte Swingle Singers und die Musikkapelle als auf Orchestergröße erweitertes Jacques- Loussier-Trio mit Bachs Meisterwerken? Oder „A Night at the Town“ mit der Wiederauferstehung des legendären Cotton Clubs. Klaus-Jürgen Herrmannsdörfer ist ein Dirigent, der die Grenzen des Möglichen auslotet, ein Seelenverwandter des Extrembergsteigers Reinhold Messner. 14 Achttausender hat Messner bestiegen, 15 Jahreskonzerte hat Herrmannsdörfer geleitet, das Soll wäre eigentlich erfüllt. Aber Messner hat ja auch die Wüste Gobi durchquert, war am Südpol und am Nordpol: Da bleiben für Herrmannsdörfer ebenfalls noch einige Ziele offen. Man darf sich schon jetzt darauf freuen ...